Die steinerne Stadt

Es geht um eine Grünanlage und einige große Bäume mitten in der Stadt. Die Anlage besteht aus paar Blümchen, paar Bänken, bißchen Kunst. Im Spätsommer dürfen die Bürger hier Gemüse ernten; junge Familien treffen sich zum Picknick, und eigentlich immer sitzen Leute auf den Bänken in der Sonne oder sommers im Platanenschatten. Kurz: dieser Platz lebt.

Nun soll die Grünanlage weg, und von den Bäumen auch ein paar. Das Museum braucht Platz – hier ist die „Vorhaltefläche“ für seine Erweiterung. Als kürzlich die Siegerbeiträge des ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs in der Zeitung waren, flammte Empörung auf: Massen von Leserbriefen, Bürgerinitiativen gegen den Neubau, und die Kassenfrau in Museum muß sich Beschimpfungen anhören, weil der Platz so „verschandelt“ werden solle.

Also bietet das Museum Führungen an, um die Entwürfe der Architekten vorzustellen und zu erläutern. Die Veranstaltungen sind voll. Die Reaktionen reichen von „ach, doch gar nicht so übel“ bis zu „kann man da nicht einfach was schönes Altes hinbauen?“, woran man sieht, daß die Architektur arm dran ist, weil alle dazu eine Meinung haben. Jedenfalls ist es eins, gerasterte Bildchen in der Zeitung zu sehen, und etwas ganz anderes, das Prinzip eines Entwurfes begreifen zu können – das hilft gegen Empörung.

So weit, so gut. Da sagt der Architekturprofessor, der die Führung leitet, nebenbei: die Bäume hier seien sowieso nicht historisch, gerade an diesem Platz sei die Stadt jahrhundertelang eine steinerne Stadt gewesen; und ich denke: Plätze ohne den Schutz von Bäumen sind oft zugig und unwirtlich und im Sommer schlicht unerträglich. Da hält man’s nur unter den Schirmen der Gastronomie aus, und nix ist mit stundenlang konsumfrei im Schatten sitzen und Leute gucken. Mögen die Bäume ahistorisch sein – früher war auch nicht alles besser.

Nun warte ich gespannt, wie es weitergeht mit dem Neubau. Ich habe einen Favoriten unter den Entwürfen und wünsche mir natürlich, daß der eine Chance hat. Was mit der Grünanlage passiert, ist schlicht und ergreifend noch nicht entschieden. (Ich hoffe aber sehr, daß zumindest Bäume und Bänke bleiben.)

0 Kommentare zu „Die steinerne Stadt

  1. Ahistorische Bäume, na denn, ab dafür … Ironiemodus aus – immer wieder ist es schwierig allen Bedürfnissen gerecht zu werden, und doch wünsche ich der Stadt einen wohltuenden Kompromiss mit Bäumen!
    herzlichst
    Ulli

  2. Ich denke, den meisten Stadtvertretern gefällt es nicht, wenn ihre Bürger einfach nur so öffentlich und kostenlos herumsitzen. Dann muss etwas gebaut werden oder auf andere Weise Unwirtlichkeit hergestellt werden.

    1. Der Professor war der ehrlichen Überzeugung, daß Menschen auf Steinplätzen genauso gern sitzen wie auf solchen mit Bäumen. (Klar sitzen sie auf Plätzen; aber sowie sie die Wahl haben, nehmen sie im Sommer den Schatten …)
      Das ist auch so was: An der Stelle sitzen in den warmen Tagen Obdachlose zum Lesen; man kommt da sehr leicht mit Leuten ins Gespräch. Ich wünsche mir, daß die Stadt das nicht aufs Spiel setzt für was Schickes.

      1. Baumlose Steine heißen sich im Sommer außerdem auf und schaffen zusätzliche Hitze für die Menschen. Das liegt doch auf der Hand! Gut manchmal, wenn die Nächte kühl werden, kann man von der gespeicherten Wärme profitieren. Aber schattenlos geht gar nicht. Man sollte den Professor im Sommer mal einen Tag lang au einem Steinplatz festbinden.

  3. Ich finde es schön einen so differenzierten Beitrag zu lesen. Nicht einfach: So wie es ist, solls bleiben. Du gibst dem Neuen auch eine Chance. Aber die Selbstverliebtheit von Architekten ist manchmal schon schwer zu ertragen. Bei Heinrich Böll gibt es in „Billiard um halb Acht“ einen Architektenwettbewerb um ein Kloster. Und der Architekt gewinnt, der an ein Bänkchen für die Bettler vor dem Kloster gedacht hat. Lesen Architekten?

    1. Das ist ein hübsches Gleichnis, das mit dem Bänkchen. Architektur (und in größerem Maße noch die Stadtplanung) ist auf den Dialog angewiesen, damit es nachher nicht heißt …; das wird nicht so oft gemacht — es ist halt anstrengend. Insofern war ich hier sehr froh.

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