Tal, ganz still

Und dann bin ich ausgestiegen, in Bacharach am Rhein. Aus dem Zugfenster hatte ich Radfahrer auf der B9 gesehen, ungeniert mitten auf der Fahrbahn. Und was war? Tal total war.
Einmal im Jahr, am letzten Junisonntag, ist der Autoverkehr am Mittelrhein stillgelegt. Zwischen 10 und 18 Uhr (früher war’s mal 9 bis 19:00) sind hier motorisierte Fahrzeuge verboten. Die vielbefahrenen Straßen beiderseits des Rheins sind einmal wirklich belebt: zwischen Koblenz und Bingen bzw. Rüdesheim ist man per Rad, skatend oder per pedes unterwegs.
In den Ortschaften haben alle Sehenswürdigkeiten und die Gaststätten geöffnet; an Ständen am Straßenrand gibt es Erfrischungen, und manches Fest wird eigens auf diesen Tag gelegt. Und drumherum die immer noch atemberaubende Landschaft mit Felsen, Wein und aus Seitentälern purzelnden Dörfern.
Aber die wirkliche Sensation ist die Stille. Natürlich gibt es die Bahn (irgendwie müssen die Radler von weiter her ja anreisen), Frachtschiffe und, Geißel dieses Landstrichs, Güterzüge; aber davon abgesehen: Ruhe.
Und die Wahrnehmung verändert sich. Der Blick wird weit und bekommt mehr Richtungen. Kleine Geräusche überall, die sonst von einem Teppich aus Lärm zugedeckt sind. Der Wind fühlt sich an wie eine sachte Berührung. Und auf Straßen kann man gehen, bis man müde wird.
Ich habe ein Würstchen gegessen, bin auf dem Mittelstreifen spaziert, habe fröhlichen Radfahrern zugewinkt; einen Platzregen lang saß ich im Bacharacher Posthof unterm Schirm, und um halb sechs ging ich dann ans Rheinufer und ließ flache Schiefersteine springen. Und, oh, der Fluß scheint noch breiter, und er rauscht. Im Vogelkonzert fuhr ein Kind lauthals singend Schlangenlinien auf dem Fahrrad. Jeder Stein plitschte vernehmlich. Dann schlug es Sechs; ins Abendläuten mischten sich schon die ersten Motoren, und eine Minute später war der Zauber vorbei.
Eine kurze Zeit ließen sich die Autos noch zählen; dann war das Tal wieder angefüllt mit dem Summen und Dröhnen, das uns nur dann nicht normal erscheint, wenn es einmal ausgesetzt hat.
Tal total, die (schlecht gepflegte) Webseite des Ereignisses
an jedem letzten Juni-Sonntag im Welterbe Oberes Mittelrheintal

0 Kommentare zu „Tal, ganz still

  1. Und ich bin fast zweitausend Kilometer weit weg und erinnere mich an meine letzte Wanderung auf dem Rheinsteig…
    Vielen Dank für die Präsentation und sonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  2. Schade nur, daß so der eine Rummel (Verkehr) durch den anderen Rummel (Attraktion) ersetzt wird. Man würde sich das Rheintal mal ganz ohne Attraktion autofrei wünschen, besser noch: befreit von den Güterzügen, die, Sie sagen es, die Pest sind.

    1. Zustimmung! Ein kleiner Tipp: an einem Sommerwochenende morgens um fünf die Wanderung entweder auf dem Rheinsteig oder dem Rheinburgenweg beginnen. Mindestens fünf Stunden Genuss sind garantiert.
      Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Da schiebe ich gleich noch eine Verführung nach: ich bin den Soonwaldsteig gegangen, als er 2009 gerade eröffnet worden war. Es war wie im Paradies, völlig ruhig und verlassen.
      Abendschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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