Natural Born Korrekturleserin I

Nach kurzer Nacht aus unruhigen Träumen erwacht, durchstreife ich die Stadt: Noch sind Gitter über die Schaufenster gesenkt; Tauben flanieren auf der Einkaufsmeile, ein Rattenschwanz verschwindet zwischen Mülltonnen. Im trüben Frühlicht blenden Ladenschilder.

Ich habe den Kragen hochgeschlagen und behalte meine Umgebung im Auge. In der Manteltasche umklammere ich meine Waffe. Ich spüre die Anspannung, ahne, was gleich kommen wird.

Da! Schon trifft es mich von schräg rechts oben: »Blumen Laden«! Ich pariere routiniert — in einer fließenden Bewegung habe ich die Hand mit dem Stift aus der Tasche gezogen, die Kappe gelöst; ein knapper Schwung von links nach rechts: und da steht er, der Blumen-Laden, gebannt im Zusammenhang. Ich atme durch. Doch noch ehe ich den Stift sichern kann, sehe ich aus dem Augenwinkel eine Leerstelle blitzen. Ich wirbele auf dem Absatz herum: sie kommen zu dritt, eine »Damen Boutique«, ein »Angel Shop« und ein »Elektro Service«. Sie haben keine Chance. Ebensowenig wie »Sport Bekleidung« und »Foto Laden«, nur Momente später. Einige »Sonder Angebote« erledige ich im Vorübergehen, da spüre ich, wie sich mir die Haare im Nacken aufstellen. Es ist auf einmal sehr, sehr still.

Langsam wende ich mich um.

Da steht sie, obszön leuchtend, und funkelt mich an: die »Änderungs Schneiderei«! Verdammt! Und ich trage nichts als einen Filzstift bei mir!

Einen unendlichen Augenblick lang starren wir uns an. »Änderungs ist kein Wort!« knurre ich; dann hebe ich meine unzureichende Waffe und gehe zum Angriff über … Es ist ein Gemetzel. Aber ich schaffe es, meine Korrekturzeichen sitzen —

Ohne auch nur einen Blick zurück auf die Änderungsschneiderei setze ich meinen Weg fort.

Da! »Erlebnis Bäckerei«! — Reflexhaft packe ich den Stift … und zögere. Vielleicht wird hier gar nicht für eine Erlebnisbäckerei geworben, sondern für das Erlebnis Bäckerei? Wie soll ich das entscheiden, außerhalb der Ladenöffnungszeiten? Ich unterdrücke ein Gähnen, fühle mich hundert Jahre alt. Die Sonne geht auf. Im Zweifel für den Angeklagten, beschließe ich, und mache mich auf den Weg nach Hause.

Dort warten bereits ein »Knusper Müsli«, ein »Aroma Caffe« und die Lokalzeitung auf mich.

Es gibt viel zu tun.

 

Fortsetzung folgt:
Natural Born Korrekturleserin II
Natural Born Korrekturleserin III

0 Gedanken zu „Natural Born Korrekturleserin I

  1. Einen schweren ballast trägt Lakritze mit sich herum: Den Ballast der Kenntnis deutscher Rechtschreibung und Grammatik. Wie gut, dass ich ihn schon vor Jahren abgeworfen habe. Es lebt sich leichter als Rechtschreib Dilettant und Grammatik Analfabet.

  2. Wunderbar zu lesen. Leider muss ich gestehen, dass ich seit der sog. Rechtschreibreform ziemlich viele Unsicherheiten im Bereich der Rechtschreibung bei mir feststelle. Der Text von P11 ist genial, insbesondere fand ich es bemerkenswert, dass er sich derart auf das Austragen der Fleischbfrühe freut.

  3. erinnye, das ist überall so. Von den Medien bis zu den Grundschulen, keiner weiß mehr, was nun stimmt. An Ps Aufsatz interessiert mich ja auch noch die Rückseite des Blattes: was ist nach der Leber passiert –?
    Vilmos, ha! Ich habe mal irgendwo »Fernseh puschen« gelesen, aber wecken ist noch schöner.
    AGT, der Kampf gegen Windmühlen ist NIE verloren! — Abrechnungsmodell nach Wortmenge, das ist eine Überlegung wert. Schmerzensgeld …

  4. Du sprichst uns aus der Seele, Lakritze! Täglich auf meinem Weg ins Büro begegnet mir ein großes Plakat, auf dem steht: „Europa macht Mobil“. Ich bin ständig versucht, ein kleines „e“ hinter das letzte Wort zu kritzeln, damit es überhaupt einen Sinn ergibt, der natürlich auch Unsinn ist. Aber wenigstens richtig geschrieben. 😉

  5. 3Hblog, davon hätte ich gern ein Foto im Blog! Selbst wenn sie euch auf die Schliche kämen — Plakate verzieren ist maximal »grober Unfug«. .)
    rotewelt, das nächste Kapitel wird von Speisekarten handeln … (Damit hast Du ja auch Deine Erfahrungen.)

  6. Ach du meine Güte… ich mach da auch immer wieder einiges falsch, manchmal sogar ganz bewusst. zB verwende ich liebend gerne Bindestriche. Heute genau so geschehen bei „ACTA-Abkommen“. Was ich allerdings fast noch schlimmer finde, das ist meine Inkonsequenz. Einmal mache ich diesen Bindestrich ein andermal nicht. Ich bin mir fast sicher, dass ich auch noch bei ein paar anderen Dingen genau so agiere. Kann man daraus eigentlich irgendwelche relevanten Rückschlüsse ziehen?

    In Graz hat eine parteinahe Studentenvertretung mal Feuerzeuge mit dem Slogan: „Für schnelleres studieren!“ verteilt… ich fands witzig

    1. Ein bißchen Feuer schadet (fast) nie.

      Und fürchte Dich nicht — bei Inkonsequenz und anderen Unsicherheiten hilft, wenn’s drauf ankommt, die Korrekturleserin. (Wir müssen ja auch leben; von die ganze Zeit kostenlos Fußgängerzonen korrigieren kommt ja nix …)

  7. Im Angel Shop gibt’s wahrscheinlich Engelsfiguren zu kaufen, könnte man vermuten. Der Back Shop muß dagegen rätselhaft bleiben.

    Den Erfahrungsraum des Barbarischen steigern ins Groteske Bildungen wie morgen’s oder, es ist kein Witz, nicht’s. Neulich an einem Waldspielplatz gelesen: „Bitte hier nicht’s kaputtmachen“. Tja. Wie sollen die Menschen auch Rechtschreibung verinnerlichen, wenn ihnen von Kindesbeinen an so ein orthographischer Irrsinn begegnet.

  8. Solminore, schön, Sie hier zu sehen! Im Back Shop kriegt man bestimmt Rücken. Und der wird gemacht, so nehme ich an, in der Back Factory. — Vielleicht sollte man hoffen, daß die Kinder auf dem Waldspielplatz noch nicht lesen können?

    David, danke für den Besuch. Und ich weiß ja; es sind nur Atavismen in Leuchtschrift …

    Meine Lieblingsrechtschreibung habe ich in Mozarts Briefen gefunden. Da wird sie zum Stilmittel, gibt Farbe und Geschmack. Und die Korrekturleserei war damals noch nicht geboren.

    1. Das Back Office ist die Verwaltung der Back Factory, die den Back Shop beliefert. Es muß da aber noch einen anderen Markt geben; ich hab nämlich gelegentlich Rücken, ohne je einen Back Shop betreten zu haben.
      Was dann auch ich mir nicht mehr schlüssig erklären kann, ist der Back Point (gibt’s in Saarbrücken).

  9. Bei uns gibt es zu meiner nie erlahmenden Erheiterung sogar einen „Back & Snack Shop“. Die Kombination von Denglish und Deppenleerzeichen lässt es erst richtig grooven…

    1. Yeah! Einmal Zwischenmahlzeit und zurück, bidde!
      Noch schlimmer wird Marketing-Denglisch vielleicht noch, wenn es Minderjährige betrifft, die penetrant als Zicklein bezeichnet werden.

  10. wohltuend: ich lese das zwar mit verspätung, aber genau das sehe ich auch immer: fehlende bindestriche. und auch ich verbinde sie in gedanken subito. und wann immer es geht auch in echt. 🙂

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