Hermann

In den Neunzigern kriegte ihn jeder, der nicht glaubhaft machen konnte, daß er keinen festen Wohnsitz hat. Die Beziehungen verliefen unterschiedlich glücklich, aber der Anfang war immer gleich: Ach, du hast noch keinen Hermann? Super, du kriegst einen von mir.

Und dann saß er in seinem Tupper auf der Küchenfensterbank oder an einem anderen mäßig kühlen Ort und stellte Ansprüche: Hunger. Kalt. Mal durchkneten. Und, gell, bloß kein Metall! Ein bißchen war er wie ein Tamagotchi oder wie die Urzeitkrebse aus der Yps, falls das noch jemand kennt, nur daß man dann am Ende auch was davon hatte außer der Erfahrung.

Am Ende nämlich kam Hermann in den Ofen, und es wurde ein wunderschöner Kuchen daraus. Das heißt, noch davor wurde er gevierteilt: ein Teil für den Kuchen, drei Teile für Freunde. (Ach, du hast noch keinen Hermann? …) Und so wurde er unsterblich.

Heute hat er eine Webseite [2020: gibt es nicht mehr], aber früher kam der Hermann mit Gebrauchsanweisung auf Papier. Ich habe meine alte gefunden: stilecht von Hand geschrieben und noch nicht bis zur Unlesbarkeit vervielfältigt; eine Zierde für jede Kühlschranktür. Falls also jemand gerade einen Hermann zur Hand hat — voilà:

Hermann-Anleitung zum Ausdrucken.

(Der Kuchen war übrigens, wenn ich mich recht erinnere, sehr anständig.)

Gesucht, gefunden

Eine ganze Wand mit tausend Nägeln, und daran tausend Schlüssel, für Autos, Wohnungen, Fahrräder, Garten- und Garagentore. Dazwischen baumeln Ledermäppchen, Golfbälle, Plüschtiere mit langen Hälsen. Ringsum Schränke, auf und in denen sich Rucksäcke stapeln, Skateboards, Handtaschen und Koffer, Schirme, Mäntel, Hundeleinen.

Alles, was nicht niet- und nagelfest ist und nicht angewachsen, was man stehen, liegen und hängen lassen kann auf Parkbänken, in Geschäften, in Gedanken, findet hier Trost und Zuflucht: Komm nur her, armes Ding, hier bist du gut aufgehoben. Hier haben die unklaren Verhältnisse ein Ende; hier ist der Limbus, aus dem du errettet werden wirst von deinem dich liebenden Besitzer. Und sollte doch alles anders kommen, naja, wirst du halt versteigert. Findest einen Neuen.

Inmitten der Vermißten und Verschmähten sitzt der Mann vom Fundbüro. Er versieht jedes Fundstück mit einem Schild, das er an Paketzwirn festknotet, ein paar Ziffern auf Papier; ihr Doppel registriert er in seiner Kartei. Dann kann das Warten beginnen. Für Wertvolles und Elektronisches kommt das Happy-End oft schnell; Schal, Mütze, Handschuhe und andere ersetzliche Dinge lagern länger und dünsten den Geruch ihrer Besitzer, die sie wohl nicht wiedersehen werden, in den Raum.

Das Erstaunliche, ja, geradezu Wunderbare ist: zu jedem einzelnen Ding hier gehört ein ehrlicher Finder; auch der ist in der Kartei vermerkt. Könnte man in diese Kartei hineinschauen, sähe man lauter freundliche, gewissenhafte Leute, die Umwege machen, um einem Unbekannten etwas Gutes zu tun.

Und wenn sie glückt, die Wiedervereinigung des Dings mit dem Besitzer, dann wird ein Schwung Segen herabgewünscht auf das Haupt des Finders, auf diese fabelhafte Einrichtung der Stadt und natürlich auf den Mann vom Fundbüro, dessen Buchführung kleine Wunder möglich macht.

Advent, Advent

Schokoweihnachtsmänner, Spekulatius, Glühwein und Glitzer können mir gestohlen bleiben, aber das Weihnachtsbacken mag ich. Und zwar am liebsten altmodischen, aufwendigen Krams wie Pfeffernüsse, Lebkuchen in Variationen und Zimtsterne.

Bei lieben Freunden ist nun ein vielleicht zwanzig Jahre alter Zettel aufgetaucht:

Rezept

Ich weiß nicht mehr, ob es das Rezept ist, das in meinem Lieblingscafé verwendet wurde, oder das nicht minder sensationelle von der Frau Lehrerin aus dem Dorf; ich weiß nur, daß es nicht leicht zu bekommen war.

Für mich ist es dieses Jahr zu spät — ich habe meine Zimtsterne schon nach anderem Rezept gebacken, ohne Kirschwasser und nächtliches Trocknen. Aber falls es jemand ausprobiert: Ich bitte um Probeplätzchen, mindestens aber um eine Nachricht, wie’s war.