Bernsteinzeit

Dieses Frühjahr ist das erste, in dem ich mein Alter um ein Jahr unterschätze. Üblicherweise bin ich ein Jahr voraus, aber das vergangene fühlt sich nicht an, als wäre es vergangen. Lethargische Zeiten, las ich in einem Brief; gefühlter Stillstand. Vielleicht ein wenig: Lots Frau. Und jetzt? Vergehen jetzt zwei Jahre auf einmal? oder man muß das unvergangene in den Nächten nacharbeiten? Älter bin ich jedenfalls geworden, bißchen mehr Weiß im Haar, paar Falten mehr, mehr Rücken, bißchen tauber nach außen und hellhöriger nach innen zu.

Rückblickend sind die seltenen Wanderungen des Jahres die einzigen Zeiten, die sich überhaupt irgendwie anfühlen: ausgeschritten, tief geatmet und weit geschaut. Ein paar leuchtende Erinnerungen, in die Vergangenheit reichend wie eine Kette von Bojen in trügerischem Wasser: Meine Begegnungen mit der Zeit waren die Wege, die ich gegangen bin.

11 thoughts on “Bernsteinzeit

  1. Ein sehr schöner Text, der treffend auch mein Empfinden des letzten ver- oder besser: übergangenen Jahres in gebotener Kürze benennt.
    Vor allem der erste Satz gehört unbedingt in die Sammlung erster Sätze, die jeder Leser, wie ich hoffe, in seinem Kopf als work in progress collagiert.
    Grüße, Uwe

  2. Ein sehr feiner, transparenter, schimmernder Text über das Vergehen der gelebten Zeit. Gefällt mir. Und klingt ein bisschen als wäre es ein geburtstäglicher Rückblick …
    War es das? (Fällt mir ein, dass ich echt keine Ahnung habe, wann du Geburtstag hast.)
    So oder so: Immer das Bestmögliche für dich.

    1. Neinnein; ich habe nur die Marotte, mein Alter durch aktuelles Jahr minus Geburtsjahr zu ermitteln. Das stimmt nicht immer, aber verrechnet habe ich mich da eigentlich nie. Bestmögliches nehme ich gern, jederzeit. Und eine Wanderung sollten wir wirklich mal wieder ins Auge fassen. Das wäre eine schöne Aussicht.

  3. Gefunden habe ich Deine neuen Beiträge auch, über den alten “normalverteilt” Link. Aber abonnieren kann ich sie nicht – was ist denn ein “Feedreader”, den ich dazu bräuchte ?? Bin wohl doch zu alt …

    1. Ach, wie schön, meme! Sei gegrüßt! RSS-Feed nutze ich selbst auch nicht – ich folge von Hand, über meine Browser-Lesezeichen. Insofern ist das ein bißchen wie Blinde und Farbe. Wie man abonniert, habe ich noch nicht rausgefunden (nun muß ich wohl doch wen mit Ahnung fragen …). Wird noch, hoffe ich.

  4. Zu Deinen schönen Texten würde ich gerne “gefällt mir” anklicken können. Das geht nicht, aber bei anderen geht es doch. Immerhin kann ich kommentieren.

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