Qual der Wahl

„Welchen von diesen beiden würden Sie nächsten Sonntag wählen?“ In der Fußgängerzone steht eine Frau mit Kamera und Mikrofon vor zwei Politikerfiguren, lebensgroß, aus Pappe. Ich pralle zurück und wechsle die Straßenseite. Solche Fragen möchte ich nicht beantworten müssen. Den einen, müßte ich sagen, kenne ich zu wenig. Den anderen hingegen, den kenne ich viel zu lang.
***
Im Kindergartenalter mußten wir zusammen spielen, während die Eltern geschäftlich zu tun hatten. Ich mochte diese Termine nicht; sie waren war so … leer. Er zeigte sein neues Spielzeug, mit dem wir dann nicht spielten; keine Phantasiewelt, keine Vertrautheit, nicht einmal irgendein heimlicher Regelbruch konnte uns verbünden. Ich ging bedrückt und schlecht gelaunt.
Aber wir blieben einander erhalten. In der Grund- und später der weiterführenden Schule waren wir in Parallelklassen; erst in der Oberstufe besuchten wir dieselben Kurse. Er saß immer seitlich vorn, sah auf eine glatte Art gut aus und hatte passable Noten. Die erzielte er mit Antworten auf leichte Fragen und, verließen wir das Terrain, das er vorbereitet hatte, seinem gewinnenden Lächeln.
Er wußte sich vorteilhaft darzustellen, ohne irgendwo dabei zu sein. Ich hätte weder sagen können, was er vertrat, noch, wofür er sich interessierte. (Sein Freundeskreis war seine Lerngruppe – sie besorgten sich das Lehrermaterial zur Schullektüre und hatten so die Interpretationen immer richtig.) Der Schützenverein, vielleicht: ein Jahr war er Schützenkönig und die Zeitungen voller strahlender Bilder, voller heimatverbundener Aussagesätze, die keinem wehtaten.
Nach Jahren sehe ich ihn wieder in der Zeitung: Politiker ist er geworden. Gut ausgeleuchtet neigt er sich zu Kindern hinab oder leiht älteren Mitbürgern das Ohr. Sein Lächeln auf Plakaten. Seine Wortmeldungen: wenig Verbindliches, kaum Inhalt, Herz gar keines. Gern: Empörung, wohlfeil. Aalt sich, wo die Sonne der Aufmerksamkeit scheint; windet sich um Fragen. Hackt zu, wo er eine Mehrheit hinter sich wittert. Er wird’s, heißt es, weit bringen; mir graut davor.

0 Gedanken zu „Qual der Wahl

  1. Ich sags ja immer: Wer nichts Eigenes hat, muss sich die Strömungen von anderen zu eigen zu machen. Das kann je nach Bedarf schnell wechseln – perfekte Vorraussetzungen für Politiker.

      1. Sie müssen an verantwortungsvollen Stelle den Job machen, den Menschen mit einer eigenen Meinung nicht lange machen können. Die fliegen zu schnell raus. Ich hoffe, wir müssen das nicht demnächst bei Merkel mitansehen.

    1. Auch Visionen und Ideale gehen gar nicht; viel zu angreifbar.
      Ich sollte froh sein, daß jemand das häßliche Geschäft der Politik für mich macht (nun gut, Politiker werden vergleichsweise gut vom Staat bezahlt dafür). Trotzdem mag ich diese Chamäleons nicht, die das anzieht. Leute mit Talent, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen.

      1. Erfolgsfördernd ist es in der Politik auch, ein gewisses Geltungs-/Darstellungs-/Mitteilungsbedürfnis in den Genen zu haben. UND – fast hätt ichs vergessen, es ist mir so fremd – Machtbedürfnis!

  2. Er nahm an den Kinderspielen nicht teil. Vielleicht weil er wenig dicklicher war als die anderen Kinder. Vielleicht auch nicht.
    Gab mit einem anderen Mitschüler eine kleine Zeitung heraus, die für zwei Pfennige in der Klasse verkauft worden ist. Das war in der dritten Klasse.
    In der sechsten Klasse schrieb er einen Roman. Der sollte realistisch sein. Also mussten andere Schüler gewisse Rollen spielen. Die hielten das für ein Spiel. So auch ich. Meine Rolle war ziemlich heikel, ich wurde erwischt. Ich bekam Ärger und er seinen realistischen Roman.
    In der achten Klasse war er lokaler Filmstar, er hatte das Drehbuch geschrieben und spielte die Hauptrolle, der andere Mitschüler war der Kameramann. Die Filme wurden in einigen Dörfern rundum vorgeführt.
    Einige Jahre später wurde er Mitglied bei der Jugenorganisation einer Partei.
    Wir verloren uns aus dem Augen, ohne dass ich einen Verlust gespürt hätte.
    Jahre später, er war inzwischen im lokalen Vorstand seiner Partei eine feste Grösse, wurde ihm ein Lehrstuhl an einer Uni geschaffen.
    Fett schwimmt oben und Horsti Schmadhoff lässt grüssen.
    Morgenschöne Grüsse aus dem vollsonnigen Bembelland

    1. Horsti Schmandhoff – wie schön, muss unbedingt mal seine Platten (echtes Vinyl von Fr.J.D.) vom Dachboden holen.
      Aber ehrlich – ansonsten ist mir das alles ein bisschen zu negativ und einseitig. Auch Politiker sind Menschen – manche sogar mit Visionen – nur lässt das Politikgeschäft viele guten Absichtens und Willen zur Gestaltung ganz langsam ersterben. Zwänge, Ausweglosigkeit – ich bedauere im Moment jeden Politiker, der es ehrlich meint, der wirklich Gutes für alle will. Am meisten fühle ich mit Frau Merkel, die ich weder gewählt, noch deren Partei ich jemals wählen würde. Aber sie ist eine Frau mit Charakter, mit unbändigem Pflichtbewußtsein, wenngleich auch sie nicht frei von Fehlern ist. Aber so allgemeine Abquallifizierung von Politikern, das gefällt mir nicht, das ist – gerade zur Zeit – nicht zielführend, aber leider, auch in anderen Bereichen, ein ganz deutsches Problem.
      Ganz unabhängig davon – den Text von Lakritze an sich finde ich schon klasse 🙂

      1. Schön, dass mein Kommentar Sie dazu angeregt hat, Ihre Meinung kundzutun.
        Leider lassen die Kommentarspalten eines Blogs ein vernünftiges Gespräch nicht zu, deshalb nur ganz schlaglichtartig.
        Ich respektiere Ihre Sichtweise. Jedoch scheinen wir von gänzlich verschiedenen Facetten aus aneinander vorbei zu reden.
        Sie sprechen von den möglichen ideellen Aspekten eines Politikers, während ich von dem Berufsbild und seinen Bedingungen an sich gesprochen habe.
        Ohne bestimmte (charakterliche) Grundvoraussetzungen kommt man in keinem Beruf voran. Wer Bäcker werden will muss früh aufstehen wollen. Und so teilen auch Politiker betimmte Grundeigenschaften und zwar durch alle Parteien. Auch die politische Biografie der von Ihnen genannten Frau ist da ganz eindeutig.
        Dabei spielen Parteien lediglich die Rolle eines Arbeitgebers. Den kann man wechseln, egal ob Bäcker oder Minister. Die Geschichte liefert genug Beispiele dafür.
        Und was das von Ihnen beklagte schlechte Image der Politiker betrifft, so ist das keineswegs ein typisch deutsches Phänomen, sondern soweit ich das von meinen Aufenthaltsorten her beurteilen kann, ein internationales. Da, wo es über das Image Statistiken gibt, rangieren Politiker auffälligerweise auf den hinteren, wenn nicht letzten Plätzen gegenüber anderen Berufen.

    2. Liebe meme, Du hast sicher recht, wenn Du sagst, es gibt auch gute, engagierte Politiker. Muß ja! (Zumindest hoffe ich das – die aus meiner Kindheit und Jugend, die sozial engagiert, weltoffen und neugierig waren, sind alle etwas anderes geworden.) Ich bin nur etwas entsetzt, wer nun gerade da Karriere macht … Es ist vermutlich gut, daß man von den meisten nicht mehr als Plakate kennt.
      Herr Ärmel, es ist leider Drecksarbeit. Ich bin – wie gesagt – froh, daß ich sie nicht tun muß. Wirklich heilfroh.

      1. Sagen wir so, es ist ein möglicher Beruf. Sie haben einen anderen gewählt, ich auch. Und wir werden beide gute Gründe für unsere Berufswahlen haben.
        Feierabendliche Grüsse aus dem freien Bembelland

    3. Sehr geehrter Herr Ärmel, nicht nur Ihr Kommentar hat mich dazu angeregt, „meine Meinung kund zu tun“, wie es etwas negativ in Ihrer Antwort heißt – auch das ist vermutlich ein Mißverständnis, kommt aber einfach so rüber bei mir. Und daher gebe ich Ihnen völlig Recht – eine Diskussion von Angesicht zu Angesicht wäre sinnvoller und befriedigender.
      Unsere Facetten der „Politiker-Beurteilung“ sind aber gar nicht so weit auseinander. Ich meine durchaus nicht nur den ideellen Aspekt des Politiker-Daseins. Wahrscheinlich kann ich meine Meinung nur nicht so gut ausdrücken wie sie, da weniger geübt in „gehobener Konversation“ 😉 Und das „deutsche Phänomen“ – jammern, Erfolg kleinreden, Menschen heruntermachen, alles schlecht machen – beziehe ich auch durchaus nicht nur auf Politiker oder ihr Image.
      Nun ja – ich wollte Sie persönlich auf keinen Fall kritisieren, es war einfach ein spontaner Post, da ich mich gerade sehr viel mit diesen Themen beschäftige und mir entsetzliche Sorgen um die Zukunft unseres Planeten mache.
      Und liebe Lakritze, Du weißt ja, wie sehr ich Deine Texte schätze, auch wenn ich nicht allzu oft „meine Meinung dazu kundtue“. Ich bin genauso entsetzt wie Du über die neuen Karrieren in unserem Land und meine, dass man alles tun muss, um diese Karrieren zu stoppen, indem man andere Politiker unterstützt – auch wenn man dabei vielleicht manche Kröte schlucken muß.
      Egal – jetzt haben wir vermutlich wieder aneinander vorbei gepostet – nicht ärgern, nichts ist böse gemeint, entspringt nur echter Sorge.

      1. Es tut mir leid, wenn meine Formulierung bezüglich des Meinung kundtuns bei Ihnen negativ angekommen ist.
        Ich finde Ihren Kommentar gut und wollte das unterstreichen. Insofern gibts für mich garnichts ärgerliches an Ihren Worten, im Gegenteil.
        Deutsches Schlechtreden erkenne ich auch, besonders nach jahrelangen Aufenthalten in anderen Ländern. Runterrederei, Unzufriedenheit und eine exorbitante Humorlosigkeit sind weit verbreitet.
        Und was eine gewisse Sorge um die Zukunft betrifft, sprechen wir eine Sprache.
        Mittäglichschöne Grüsse aus dem grauhimmlischen Bembelland

Antworte auf den Kommentar von Herr Ärmel Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert