Von blauen Bergen

Häuser wachsen hier gleich aus den Wiesen, im Sonnenlicht scheinen sie zu gedeihen. Wo sie sich verdichten, grünt es immerhin in Blumenkästen und Vorgärten; so üppig, so reich. Hier und da liegt ein gefallenes Blatt auf dem Bürgersteig. Zebras sind hier gelb gestreift; an den Ampeln steht: Fussgänger drücken. Einheimische erklären mir höflich-kehlig den Weg zum See.
Vor dem stehe ich dann wie vor einer Wand. Er gleißt; kaum hinschauen kann ich, wo die Segelboote gleiten. Der Steg unter meinen Füßen liegt fest, es ist der ganze Septembertag unter dem weißglühenden Himmel, der leise schwankt.
Mein Blick fängt sich in den Uferanlagen, greift nach Balkongittern, schlüpft unter gestreifte Markisen. Palmen müßte es geben, doch stehen bloß Kräne weiter hinten, um einstige Dorfkirchlein herum, und schichten mehr Stadt in die Schafsweiden.
Dahinter wachsen auch noch Tannen, alle ordentlich gekämmt; dralle Hügel mit gestriegeltem Gras und Scheunen hier und da wölben sich zu ihnen hin. Noch dahinter aber, das Blau, das ist nicht der Himmel. Das steigt jäh und bricht schroff und hat weiße Flächen in Höhen, die überhaupt nicht möglich sind.
Diese ganze, sonnige Stadt ist ja umlauert von Gebirg! Aber die Leute von hier meinen bloß: Ach, die Berge, ja, die. Sind weit weg.
 
Grippespaziergang; angestecktregt von Herrn Zeilentiger.

0 Kommentare zu „Von blauen Bergen

  1. Einmal ungeschminkt: Wenn eine Blogschreiberin, die ich (als eine der sehr wenigen) für ihr Wortmaß schlicht beneide, sich zu einem Spaziergang mit Seen gleich gleißenden Wänden, stadtschichtenden Landkränen und unmöglichen Bergen anregen lässt von mir, dann fühlt sich das ziemlich gut an.
    Gute Besserung will ich nicht vergessen. Aber bitte die Spaziergänge fortsetzen, das kann nur gesund sein.
    (Ich musste übrigens ein bisschen an Max Frisch denken. Würde zur Landschaft wohl passen.)

  2. Du bist in Zürich? oder Luzern (nein, da sind die Berge sehrsehr nah). Zürich könnte gehen. Komm doch schnell vorbei. Wohne da gleich um die Ecke.
    Und gute Besserung wünsche ich.
    Bergluft tut gut!

      1. Wie hiess die Novelle, mit der man uns in der Mittelstufe quälte?
        Aaah – Kleider machen Leute… hätte ich damals besser aufgepasst, hätte ich schneller kapiert, dass dies auch für Politiker und Konzernführer gilt.
        Du kriegst alles los, wenns nur ordentlich ver/gekleidet ist – sogar einen Industriepark…
        Abendschöne Grüsse vom mildtemperierten Schwarzen Berg

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