Tatortbegängnis

Folgendes: Tatort Münster am Abend, Thiel & Boerne. Ein Muß — aber kein Fernseher, und kein befreundetes Wohnzimmer in Sicht. Was tun? Es gibt ja Kneipen für so was; eine davon praktischerweise ein paar Straßen weiter.
Kein großer Raum, aber eine Tafel: HEUTE TATORT, mit Fadenkreuz im O. Man hatte mich gewarnt, daß es voll werden würde. Es wurde voll: Wildfremde fanden sich am selben Tisch. Gruppen von mehr als zwei Personen mußten enttäuscht abziehen. Versuche, Plätze freizuhalten, wurden mit schiefen Blicken quittiert. Keiner traute sich aufs Klo — weggegangen, Platz vergangen. Man rückte immer enger zusammen; die Bedienungen schlüpften durch die Menge wie bunte Fische durchs Korallenriff: Hier noch was zu trinken? Dann ging das Licht aus, und es wurde still im Gastraum. Naja. Halbwegs.
Zweimal ging Glas zu Bruch, achtundsiebzig Mal drängelten sich Leute durchs Bild, ständig leuchteten Smartphonebildschirme, die Lautsprecher schepperten ein wenig, aber die Stimmung war prima.
Es gab es gutmütige Kommentare und Gekicher (liebe Mitgucker: die, die bei den ganz schlechten Witzen laut gelacht hat, das war ich. Ei-wei-wei. Nun wißt ihr’s), und als am Ende Kommissar Thiel seitwärts in ein Kunstwerk aus chinesischen Lampions hechtete, jubelte die ganze Kneipe.
Fazit: Kein Fernseher, und trotzdem Tatort gucken wollen? Geht. Das Bier ist teurer als daheim, aber Großleinwand hat schon was. Und in Gesellschaft schaut sich’s entschieden lustiger als allein im fahlen Lichte des eigenen Bildschirms.

0 Gedanken zu „Tatortbegängnis

    1. Seh ich auch so, sonst haben mir Börne, Thiel und Alarich besser gefallen! Bin bis gestern Fan vom Münster-Tatort gewesen. GEWESEN!

    2. Ich fand, sie hatten den Thiel-und-Boerne-Ton zwar zurückgenommen, aber doch getroffen. Und ein paar hübsche Gemeinheiten: wie Nadeschda alles immer schlimmer macht, zum Beispiel. Nicht Holzhammer, aber dramatisch. Nein, mir hat nix gefehlt.

  1. Och, ihr seid aber kritisch –! So schlecht fand ich ihn nicht. Den Münster-Krimis nehme ich nicht mal krumm, wenn sie unrealistisch sind — die dürfen das.
    (Nächstes Mal vielleicht auch inner Kneipe?)

    1. Naja. Chinesische Mafia — ne Nummer kleiner wäre auch gegangen. Aber die Geschichte funktionierte, und auch die beiden Ermittler behielten, was sie ausmacht, und so hundertprozentig ernst nahmen sie sich immer noch nicht. Insofern gelungen. .)

  2. Also, wenn sonntags abends die halbe Nation Tatort guckt, viele gemeinsam in der Kneipe, das ist doch allemal so gut, wie wenn die halbe Nation 22 Männern hinterherguckt, die einem einzelnen Ball hinterherrennen. Ich finde die Schrulligkeiten der Münster-Krimis nett. Und wenn sie nicht jedesmal Geistesblitze haben ohne Ende, na und?

    1. Ha, zu Fußballzeiten meide ich Kneipen wie der Teufel das Weihwasser. Die Geräuschkulisse ist doof, und ich mag nicht, wenn die Stimmung aggressiv wird (schon erlebt). Als Fernsehzimmer hatte ich sie bislang nie betrachtet; da denke ich allmählich anders.

  3. Also, ich oute mich jetzt mal als Münster-Tatort-Fan. Leider war gestern Konfliktlösung im Freundeskreis angesagt, so dass ich diesen Tatort verpasst habe. Aber er wird sicher irgendwann wiederholt.
    Ich finde ja das Drumherum immer viel interessanter als die eigentlichen Fälle. Was will man im Fernsehkrimi auch schon Großartiges machen: einen Mensch tot, andere Menschen suchen den Menschen, der den einen Menschen tot gemacht hat. Hundertmal gesehen. Das alte Ehepaar Thiel-Börne und die mehr oder weniger durchgeknallten Nebenfiguren finde ich dabei immer noch ziemlich unterhaltend.
    Den Kieler Tatort mochte ich auch immer, aber ich habe auch ein besonderes Faible für Kiel, insofern bin ich nicht unparteiisch.

    1. Jadoch, vollste Zustimmung! Am Genre hat sich ja auch seit ungefähr Wilkie Collins nichts mehr getan, da geht es nicht ohne die interessante Drumrumgeschichte. (Was das alte Ehepaar betrifft, dürften Sie auf Ihre Kosten kommen in dieser Folge.) Erstaunlich, daß ausgerechnet die Klamauk-Variante so spannend ist. — Danke für den Kiel-Tip! Ein ähnlich voreingenommener meinerseits: die Saarland-Tatorte mit Gregor Weber. Aber Vorsicht: Faible fürs Saarland.
      (Konfliktlösung hoffentlich gelungen!)

      1. Ja, ein Faible für das Saarland habe ich auch, aber komischerweise erst, seit ich da nicht mehr wohne. (Übrigens: Konfliktlösung mehr oder weniger erfolgreich.)

  4. Ich fand den auch mal endlich wieder gut, weil er einen Gang zurückgefahren ist, was den Klamauk angeht. Aber eigentlich geht es mir doch immer öfter so, dass ich mich mal wieder nach einem richtig guten Tatort oder – noch eher zu erwarten – Polizeiruf sehne. So wie den mit Ben Becker und Otto Sander von 2005, „Dettmanns weite Welt“.
    Ich mochte ja das Joachim Krol/Nina Kunzendorf-Team aus Frankfurt, aber Nina Kunzendorf ist leider schon wieder weg. Die Dortmunder gefallen mir auch ganz gut. Sonst: die Berliner, die Kölner, die Münsteraner aus alter Verbundenheit. Kiel und Wien. Und aus eigener Voreingenommenheit die Münchner. Schade, dass Gregor Weber weg ist. Und dann fehlt mir noch der verdeckte Ermittler Cenk Batu, das war mal was ganz anderes.
    Ich könnte ewig so weiterschreiben …;-)

    1. Oh, ausgezeichnet! Ich bin etwas ratlos; die meisten Tatorte, die ich bislang gesehen habe (viele waren’s nicht), fand ich eher so naja. Münster stach da schon raus. Nun werde ich mich an den Hinweisen durch die Archive hangeln, das ist gut! Und künftige Kneipenbesuche in Erwägung ziehen.

  5. Für Expats waren Tatorte jahrelang ziemlich wichtig, um auf dem Laufenden zu bleiben, was deutsche Alttaggewohnheiten angeht. Dahingehend werden Tatorte leider überflüssiger. Entweder Volksaufklärung (z.B. aus Köln) oder wirre Stories, wie dieses Mal aus Münster.
    Schade eigentlich.
    Sonnige Grüsse vom Schwarzen Berg

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