Mehr so der Wintertyp

Am Anfang gibt es Sekt im Kreis. Die Damen, acht an der Zahl, klimpern mit Schmuck und blinzeln sich beim Anstoßen zu. Ich, Nummer neun, bleibe sitzen (Verband links) und falle auch sonst aus dem Rahmen, so ohne was zum Klimpern. Dann Auftritt Farbberaterin, Zebraprint-Zweiteiler, zwei randvolle Koffer mit Material. Sie mache auch Typberatung und Feng Shui, sagt sie und setzt ein Häufchen Visitenkarten auf den Tisch. Anschließend erzählen alle in der Runde etwas über sich und ihren persönlichen Stil. Wortkarg kann ich, muß dann aber nicht, weil sie mir das Wort sowieso gleich entreißt und über Fakten aus der Kosmetikwelt plaudert. Dann geht es zur Sache.

»Sooooo, wer möchte denn als erste?« (Mich überspringt der suchende Blick.) Der Sekt summt in den Köpfen, man ziert sich kaum. Schon sitzt eine da und wird grau camoufliert: mit dem Umhang alle Farben weg. Witze über das Häubchen, aber Haar- und sogar Augenfarbe seien ja, »machen wir uns nichts vor«, veränderbar. Dann die alles entscheidende Frage: warm oder kalt? Ein gräulichgoldenes, ein silbergräuliches Tuch werden der Verhüllten ans Gesicht gehalten. Die Damen im Kreis diskutieren; man entscheidet sich für kalt.

Welche Farbe hätten Sie denn gern?

Nun geht es um Jahreszeiten. Sommer oder Winter? Frühling oder Herbst? Jahreszeiten sind Farben, Farben sind Tücher; Tücher über Tücher in Farben über Farben — der Damenkreis nickt oder schüttelt kollektiv den Kopf. Es ist ein bißchen wie beim Optiker: Schärfer? oder kleiner und schwärzer? Es fallen Worte wie »Porzellanteint« und »Schneewittchenhaut«, die Dame nach Dame geschmeichelt entgegennimmt; da »unterstreichen« und »korrespondieren« Farben, oft ist es »harmonisch«, auch mal »energetisch«. Man fühlt sich wohl. Als der Sekt nachläßt, wird Kaffee aufgegossen; Tassenfelsen stehen in der Tücherbrandung auf den Tischchen, ein Wunder, daß nichts umkippt.

»Wer war denn noch nicht?« Plötzlich bin ich Mittelpunkt. Mein leidender Blick (Verband lihinks!) trifft den ihren, umlidschatteten; jetzt kommen wir beide nicht mehr drumherum. »Bittesehr!«, winkt sie und referiert über die »wissenschaftliche Wirksamkeit der Farbtemperaturen«, während ich übertrieben zum Beratungsstuhl hinke. Er ist noch warm, ebenso wie der neutral-graue Umhang und die Haube. — Gold oder Silber? Die Damenrunde blättert in »Einkaufshilfen« und ist nicht mehr ganz bei der Sache. Silber! Tuch um Tuch, Farbe um Farbe wird abgenickt oder ausgebuht; kurzer Prozeß. Das Urteil: »Sie sind mehr der Wintertyp.« Aha. »Schwarz steht Ihnen hammer! Und sonst mehr so die klaren, kühlen Farben.« Soso. »Sie können Ihre Farbpalette für neunenvierzich bei mir …« Ähdanke. »Und bleiben Sie ruhig bei Ihrer Wollmode.« Doch noch eine kleine Spitze? Mhmdanketschüß.

Ich hinke zurück, ausberaten, einsortiert und um eine Erfahrung reicher. Nächstes Mal vielleicht Feng Shui?

Schweigen ist Gold.

0 Gedanken zu „Mehr so der Wintertyp

    1. Da ich mich für Mode nicht interessiere, geschweige denn nach Farbe darbe, habe ich das W glatt überlesen. Mir schoss aber sofort ein neues Märchen durch den Kopf, vom Zebraprinzen, der aus Liebe bereit war, sein Ei mit der Prinzessin auf der Erbse zu teilen (die als Erbsenzählerin einen leichten Stand hätte). Wenn er aber gar nicht teilen, sondern nur weit eilen soll, braucht er Siebenmeilenstiefel. Winters wie sommers. Farbe egal.

    2. Das Märchen möchte ich dann gerne komplett lesen! (Was macht eigentlich eine Erbsenzählerin, wenn sie nur eine Erbse hat –? Zählt sie die eine Erbse und dann, wie oft sie sie schon gezählt hat –?)
      Schön wäre ja auch ein ein Zeitweiler gewesen, aber der ist es nun nicht geworden …

  1. Hallo Wintertyp – auch nett der Name -, erst mal beste Wünsche auf dem sicherlich mühseligen Weg zum Nichthinken. Und dann: Neunenvierzich ist bestimmt ein Schnäppchen, aber hast Du ja gar nicht nötig!

    1. Danke, P11, bin schon wieder stark verbessert! Am liebsten hätte ich Kleidung, die man ungefähr so oft neu braucht wie Wohnungen. Dann würde ich mich auch ganz doll um die Farbe kümmern …

  2. G-O-L-D-I-G… und der Satz mit „Schwarz“ ist wirklich einer Zebra-Frau angemessen *lach*

    Irgendwie erinnert diese Sitzung an Kerzen- und Tupper- und Dessousparties, in die frau so in den letzten beiden Jahrzehnten… äh… Jahren hineingeriet. Im Nachhinein kann frau auch nur darüber lachen und weiß, dass sie von Anfang an recht hatte, diesen „Vergnügungen“ aus tiefster Seele zu misstrauen…

    Gilt auch für die meisten Hochzeitsfeiern…

    1. Dessousparties?? Das funktioniert dann tatsächlich wie eine Tupperparty, wo man sich bei einer »Schwester« trifft und sich die Dinger gegenseitig … vorführt?? Ich sitze hinterm Mond und staune.

    1. Wundervoller Text, selten so gelacht.

      Ich hab mich mal bei Mutters Tupperparty unterm Sofa versteckt, wollte das letzte Geheimnis der Frauen ergründen. Erst wurde ich für den Hund gehalten, dann enttarnt. Dieses traumatische Erlebnis verfolgt mich bis heute. Mir kommt kein Tupper ins Haus.

  3. hahahaaa! Wie um alles in der Welt bist du denn DA hineingeraten?
    Der letzte Satz hat mich an den Helge Schneider Bericht erinnert, der gestern auf FM4 lief:

    Haben Sie Wollust?
    Eigentlich nur im Winter.

    1. hm … hm hm … dann hat er je nach sozialen Status wahrscheinlich Polyesterlust oder Seidenlust, aber davon steht nix in der Bibel, die scheinen also harmlos zu sein.

    1. Neiiiin! (Verband links!)

      (Glatt gelogen, der ist schon wieder runter. Besserungswünsche haben gewirkt, danke! Aber zur Dessousparty — bei aller Liebe zu Geschichten, ein bißchen schön müssen sie schon sein.)

  4. Jetzt komme ich fast in Versuchung, die Einladung zur Tupper-Party, die heute im Briefkasten lag, doch anzunehmen.
    Zu schwarz hätte ich ein paar Vorschläge: Kirschkernschwarz, Elfenbeinschwarz, Pirsichkernschwarz, Rebschwarz, Holzkohlenschwarz, Spinellschwarz, Flammruss, Traubenkernschwarz. So kommt Abwechslung in die Garderobe.

    1. Jaaa, Schwarz ist nicht gleich Schwarz. Das merkt man vor allem, wenn man viele schwarze Klamotten hat, die nach mehrfachem Waschen verschiedene „Schwarztöne“ annehmen, Richtung Grau, Richtung Blau, Richtung Grün … Das will alles benamst sein für die hammer-schwarze Farbpalette ; )

  5. Toller Bericht! Als Kormoran steht mir Schwarz auch hammer.
    Der Wolle-Wintertyp wird im Sommer zum Bauernleinen-Sommertyp.
    Vielleicht sollte ich mal eine Schamanen-Party machen mit Gong, Glöckchen und Flügelschlagen….?

  6. Schön, dass du deiner Neugier gefolgt bist, so kommen wir in den Genuss dieses Berichts, lach! Klingt wirklich nach Tupperparty, doch hier werden Frauen einsortiert und eingetuppert, jede bekommt ihr Farbkästchen, in dem sie am frischesten bleibt, ähm, wirkt. Trotzdem, es ist was dran an dieser „Farbenlehre“. Viele Grüße und gute Besserung von einem anderen Wintertyp (mit Olive und Beige oder Apricot sehe ich tot aus).

    1. Hm. Ja, das kann durchaus sein. Aber wenn so eine Lehre im Verband mit »Feng Shui« und »Farben können ja die Kommunikation steuern, zum Beispiel mit Ungeborenen« daherkommt, dann muß sie sich bei mir schon doll anstrengen, um jemals wieder ernst genommen zu werden.

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