Aus gegebenem Anlaß

Wenn man weite Strecken mit dem Zug fährt und beispielsweise einen anstrengenden Arbeitstag vor oder hinter sich hat, möchte man sich gerne entspannen. Ich habe deshalb immer ein Buch dabei, nix Anspruchsvolles, einfach etwas, das sich so wegliest.

Also klappe ich meinen Sitz nach hinten und versuche, in meine Geschichte reinzukommen, da kriecht mir was ins Ohr: Tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss … Nicht wirklich laut, aber hartnäckig. Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss … Wenn der Zug etwas weniger rumpelt und rauscht, höre ich leises Quäken — eine Frauenstimme. Kenne ich das? Nee, oder –? Dabei sieht der gar nicht aus, als würde er Britney Spears hören — neiiii-en! Ignorieren! Ig-no-rie-ren! Zurück zum Buch!

Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss …

Was tun?

Hätte ich so ein Gerät, könnte ich meine Musik so laut drehen, daß ich diese hier nicht mehr höre. So machen es anscheinend viele, und deshalb sitze ich jetzt hier und übe mich vergeblich in der Kunst des Weghörens.

Ich könnte ein Papiertaschentuch zücken, es zerreißen und mir damit die Ohren verstopfen. Aber warum muß ich Ohrenstöpsel tragen, weil andere Leute Musik hören? Der Grundzustand der Welt ist unbeschallt!

Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss … Vielleicht sollte ich aufstehen und auffällig zum Rhythmus tanzen? Gute Idee. Mache ich mal an einem Tag, an dem mir eh alles egal ist. Tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss …

Vermutlich werde ich wieder hingehen und um leiseres Hören bitten. Habe ich dem Tschk-tss lange genug lauschen müssen, wird die Peinlichkeit der Situation (ja! Ich finde das unangenehm) akzeptabel, wenn sich nur etwas ändert. Entschuldigung, können Sie das bitte etwas leiser drehen?

Die Reaktionen bisher waren vielfältig: Oft entschuldigt sich der Musikfreund und macht es tatsächlich leiser. Nicht immer leise genug, aber immerhin. Danke. — Dann gibt es die, die mich verständnislos anschauen: Das ist doch schon leise! Junge, wenn ich in vier Metern Entfernung Interpreten, Titel und Text erkennen kann, ist es nicht leise. Himmel, kann ich dafür, wenn andere Leute taub sind? — Einmal sprang eine Frau zwei Reihen hinter mir auf und kam mir ungebeten zu Hilfe: Ja, ich höre das auch schon die ganze Zeit, bis da hinten hin, das ist unerträglich … Der arme Kopfhörerträger wußte gar nicht, wie ihm geschah; am liebsten hätte ich die Frau angeknurrt. Nunja. Da lagen wohl Nerven blank. — Und ein einziges Mal sah die Schallschleuder so aus, als wolle sie mir gleich an die Gurgel gehen (nachdem sie endlich registriert hatte, daß ich mit ihr sprach): Ey, was solln das jetzt? — Ich habe es vermutlich dem Einsatz ihrer Freundin zu verdanken, daß es bei bösen Blicken blieb.

Nein, ich mache das nicht gerne. Was ist, wenn der andere aggressiv reagiert (passiert fast nie)? Bestimmt erinnere ich ihn an seine Mutter (mag sein, aber er hat’s ja offenbar bei ihr nicht gelernt). Kein Wunder, daß ich so selten andere Leute sehe, die aufstehen und etwas sagen. Und so oft zustimmendes Nicken, wenn ich es tue.

Schön wäre es, wenn das hier hülfe:

Liebe Musikfreunde im öffentlichen Personenverkehr,
schaut euch mal unauffällig um. Gequälte Gesichter? Nervös im Takt wippende Beine? Das könnte ein Anzeichen dafür sein, daß ihr unfreiwillige Mithörer habt. Und die teilen vielleicht nicht mal euren Musikgeschmack.
Ich weiß, es hat was, wenn da diese tolle Musik ist und nichts als die Musik. Das könnt ihr gerne unbegrenzt in eurem eigenen Zimmer haben. Im öffentlichen Raum dagegen gilt er nicht, der schöne Satz, daß geteilte Freude doppelte Freude sei. Also: Leise. Bitte.
Kauft euch doch einfach ordentliche Kopfhörer — schöner hören, weniger stören. Dafür müßt ihr tiefer in die Tasche greifen, das ist richtig. Aber was wollt ihr, Musik oder Ärger?

Naja. Wir sehen uns. Im Zug.

0 Kommentare zu „Aus gegebenem Anlaß

  1. Schallschleuder ist schön. 🙂
    Nun, vorbeugend reist Du am Besten mit Ohrstöpsel und verteilst Prospekte von Hörakustikern. Vielleicht beteiligen Dich die Hörgerätehersteller und -verkäufer am Umsatz?

  2. Wie wahr, wie wahr… und doch köstlich beschrieben. Ich habe es noch nie geschafft, während einer Zugfahrt ein Buch tatsächlich zu lesen. Da beneide ich andere Zeitgenossen, die losfahren und – tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss – ratzen und ratzen…. bis der Zug wieder hält.

  3. Bin vom Bücher lesen auf das Schall schleudern umgestiegen, weil mich mein Umfeld auch nie in Ruhe gelassen hat. Außerdem bekomme ich immer im Zug einen Zug an die Augen. Dumme Sache. Da geht dann nur noch Augen zu, ratzen und tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss.
    Vielleicht war ich es, der Britney gehört hat? Es wollte aber bisher noch niemand von mir, dass ich leiser drehe. 😉

  4. Liebe lakritze,
    ich stopfe mir auch die Hörer in die Ohren, wenn ich Zug fahre. Je länger die Fahrt dauert, desto größer ist mein Verlangen, die Welt und die Umgebung auszusperren. Ich schwöre aber, dass ich niemals, nienich‘ meine Mitfahrer mit meiner Musik belästigt habe, ich habe natürlich einen ausgezeichneten Geschmack!
    Und ein leicht zu verschlingendes Buch ist dennoch dabei, so manches war so leicht, dass ich es danach alleine weiter auf die Reise geschickt habe 😉

  5. Hm – ich muss ein ausgesprochen unsensibler Mensch sein. Ich lass mich von Musikgeräuschen nicht stören, schaffs irgendwie nicht hinzuhören, wo ich nicht hinhören will. Wahrscheinlich schon ein verfrühtes Talent für meine Tage als immer dann derrische Pensionistin, wenns ihr grad passt ^^

  6. Rich, das tu ich auch manchmal. Ich schreibe dann sogar einen Zettel dazu, daß dieses Buch einen neuen Besitzer sucht — in der Hoffnung, daß die Lektüre dann nicht in den Müllbehältern der Zugreiniger landet.
    Jou, ich bin auch nicht empfindlich. Aber wenn ich sechs bis acht Stunden in Aktion war und mir den Mund fusselig geredet habe, dann funktioniert die Taubheit auf Kommando leider nicht mehr.

  7. Sehr amüsant. Kenne ich. Befinde mich allerdings durchaus auf beiden Seiten – mal gestört und zum Meckern aufgerafft mal selber hörend. Ich finde die Idee prima, aufzustehen und wild zuckend zu der Musik zu Tanzen. Einzig befürchte ich, dass sich die damit angesprochenen Personen indigniert abwenden und vor lauter Scham an der Tanzvorstellung „ohne Musik“ (die hat noch nicht mal einen MP3-Player auf) am Lautstärkeregler drehen und versuchen werden, die Außenwelt mit noch lauterer Musik auszublenden.

    Übrigens, zurzeit höre ich am Liebsten griechischen Kitschpop, das wäre sicherlich etwas für Dich zum Mittanzen. Oder geht’s Dir etwa auch so: Sirtaki gehört für mich nämlich immer noch zu den Mitmachtänzen, wo ich bei jeder Aufforderung Beklemmungen, nervöse Schweißausbrüche und einen angsterfüllten nach Hilfe und Fluchtwegen suchenden Blick bekomme. Nun, griechische Popmusik ist glücklicherweise nur kitschig aber keine Folklore und die Sirtaki-Grundmelodie ist kaum zu hören.

  8. Oh, GrafSchaf. Sollte ich Dich jemals mit griechischer Popmusik in meinem Zug erwischen, dann verspreche ich Dir Sirtaki quer durchs gesamte Großraumabteil. Egal wie undeutlich die Grundmelodie zu hören ist. :))))

  9. Ich bin extrem lärmempfindlich. Empfindlichkeit wird einem heute als Charakterschwäche vorgehalten. Je länger Lärmbelästigung dauert, desto mehr quält sie mich. Ich bin Dir dankbar für Deinen Bericht. Oft habe ich den Eindruck, die Abstumpfung ist schon so groß, dass es außer mir niemand wahrnimmt. Zuletzt passiert in einem Hotel, wo beim Essen immer zwei Musikstücke gleichzeitig aus den Lautsprechern quollen. Niemand außer mir schien das zu hören. Vielleicht ist Taubheit ein Segen. Ich bin aber noch weit davon entfernt.
    Meine Unterstützung wirst Du bekommen, sollten wir je gemeinsam im selben Zug fahren. 🙂

  10. 🙂 Ich habe auch schon Lokale wegen der Musik verlassen. Der beste Kuchen schmeckt nicht, wenn man ihn bei WDR 4-Beschallung essen soll.

    Ich denke, es ist wirklich eher Konfliktscheu, die die meisten Leute davon abhält, den Mund aufzumachen. Das Schlimmste ist aber, zu lange zu warten. Je genervter man selbst ist, desto unangenehmer wird die Konfrontation.

  11. Da ich auch konfliktscheu bin (oder nein: es ist die Scheu, den eigenen Willen nicht zu bekommen und dann neben dem Geräusch auch noch die Niederlage ertragen zu müssen), wie auch immer, da ich nicht gerne aufstehe und was sage (schon deswegen nicht, weil ich diese Übung auf jeder Fahrt ein halbes dutzend Mal zelebrieren müßte, wollte ich meine Ruhe haben); ich aber andererseits unter dem Geschepper leide (das Wort ist mit Bedacht gewählt und ernst gemeint): habe ich meine Ohrstöpsel immer dabei und gerate in Panik, wenn ich sie dann doch einmal vergessen habe.
    Ich empfehle übrigens Schaumstoffstöpsel von Hansaplast, hervorragend, die Geräusche sind schlagartig weg; die Frequenzen, in denen menschliche Sprache stattfindet, bleiben aber relativ ungedämpft, was von Vorteil ist, wenn man Haltestellenansagen oder Störmeldungen mitkriegen möchte; aber von großem Nachteil, wenn man in der Nähe mobil telephonierender Fahrgäste zu sitzen kommt.

    1. Mobiltelefonierer. Die würde ich ja auch alle in ein Abteil stecken, in dem ich nicht bin. Ich habe mir schon überlegt, sie durch ebenso lautes Antworten aus dem Konzept zu bringen.
      »Hallöchen! Ach, du bists!«
      »Naja, ich sitze schon seit drei Gesprächen neben Ihnen …«

      Vielleicht muß ich das mal probieren mit den Ohrenstöpseln.

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