Qual der Wahl

„Welchen von diesen beiden würden Sie nächsten Sonntag wählen?“ In der Fußgängerzone steht eine Frau mit Kamera und Mikrofon vor zwei Politikerfiguren, lebensgroß, aus Pappe. Ich pralle zurück und wechsle die Straßenseite. Solche Fragen möchte ich nicht beantworten müssen. Den einen, müßte ich sagen, kenne ich zu wenig. Den anderen hingegen, den kenne ich viel zu lang.
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Im Kindergartenalter mußten wir zusammen spielen, während die Eltern geschäftlich zu tun hatten. Ich mochte diese Termine nicht; sie waren war so … leer. Er zeigte sein neues Spielzeug, mit dem wir dann nicht spielten; keine Phantasiewelt, keine Vertrautheit, nicht einmal irgendein heimlicher Regelbruch konnte uns verbünden. Ich ging bedrückt und schlecht gelaunt.
Aber wir blieben einander erhalten. In der Grund- und später der weiterführenden Schule waren wir in Parallelklassen; erst in der Oberstufe besuchten wir dieselben Kurse. Er saß immer seitlich vorn, sah auf eine glatte Art gut aus und hatte passable Noten. Die erzielte er mit Antworten auf leichte Fragen und, verließen wir das Terrain, das er vorbereitet hatte, seinem gewinnenden Lächeln.
Er wußte sich vorteilhaft darzustellen, ohne irgendwo dabei zu sein. Ich hätte weder sagen können, was er vertrat, noch, wofür er sich interessierte. (Sein Freundeskreis war seine Lerngruppe – sie besorgten sich das Lehrermaterial zur Schullektüre und hatten so die Interpretationen immer richtig.) Der Schützenverein, vielleicht: ein Jahr war er Schützenkönig und die Zeitungen voller strahlender Bilder, voller heimatverbundener Aussagesätze, die keinem wehtaten.
Nach Jahren sehe ich ihn wieder in der Zeitung: Politiker ist er geworden. Gut ausgeleuchtet neigt er sich zu Kindern hinab oder leiht älteren Mitbürgern das Ohr. Sein Lächeln auf Plakaten. Seine Wortmeldungen: wenig Verbindliches, kaum Inhalt, Herz gar keines. Gern: Empörung, wohlfeil. Aalt sich, wo die Sonne der Aufmerksamkeit scheint; windet sich um Fragen. Hackt zu, wo er eine Mehrheit hinter sich wittert. Er wird’s, heißt es, weit bringen; mir graut davor.