Hermann

In den Neunzigern kriegte ihn jeder, der nicht glaubhaft machen konnte, daß er keinen festen Wohnsitz hat. Die Beziehungen verliefen unterschiedlich glücklich, aber der Anfang war immer gleich: Ach, du hast noch keinen Hermann? Super, du kriegst einen von mir.

Und dann saß er in seinem Tupper auf der Küchenfensterbank oder an einem anderen mäßig kühlen Ort und stellte Ansprüche: Hunger. Kalt. Mal durchkneten. Und, gell, bloß kein Metall! Ein bißchen war er wie ein Tamagotchi oder wie die Urzeitkrebse aus der Yps, falls das noch jemand kennt, nur daß man dann am Ende auch was davon hatte außer der Erfahrung.

Am Ende nämlich kam Hermann in den Ofen, und es wurde ein wunderschöner Kuchen daraus. Das heißt, noch davor wurde er gevierteilt: ein Teil für den Kuchen, drei Teile für Freunde. (Ach, du hast noch keinen Hermann? …) Und so wurde er unsterblich.

Heute hat er eine Webseite [2020: gibt es nicht mehr], aber früher kam der Hermann mit Gebrauchsanweisung auf Papier. Ich habe meine alte gefunden: stilecht von Hand geschrieben und noch nicht bis zur Unlesbarkeit vervielfältigt; eine Zierde für jede Kühlschranktür. Falls also jemand gerade einen Hermann zur Hand hat — voilà:

Hermann-Anleitung zum Ausdrucken.

(Der Kuchen war übrigens, wenn ich mich recht erinnere, sehr anständig.)