Ton und Licht

Eines der ältesten Handwerke der Menschheit ist sicher das des Töpfers: Schüsseln und Krüge, wasser- und hitzebeständig, waren an jedem Feuer notwendig. Nutzen allein genügte schon den steinzeitlichen Menschen nicht: sie verschönten ihre Keramik mit Abdrücken, Ritzungen, Farben, Glasuren, erfanden zweckdienliche Formen, brachten Henkel, Tüllen und Deckel ins Spiel — so begrenzt das Thema, so unendlich vielfältig seine Ausführung. Und seit Tausenden von Jahren gestalten Keramikkünstler die ganze alte Sache immer wieder neu.

Gotlind und Gerald Weigel leben im rheinhessischen Gabsheim; in einem Gehöft mitten im Dorf wohnen und arbeiten sie, umgeben von hundertjährigen Ziegelmauern. Sie sind in der Kunstwelt bekannt, vielfach ausgezeichnet; Sammler kommen von weit her zu ihren jährlichen Werkstattausstellungen.

Gerald Weigels massige Gefäße sind Aufbaukeramik. Sie sehen beinah steinern aus, grau oder in den rheinhessischen Ziegelfarben, und in ihre engen Öffnungen möchte man Efeu drapieren. Dieses Jahr hat er sie aufgebrochen, Scherbe an Scherbe gesetzt und ihnen flirrende Schatten verliehen.

Gotlind Weigel hingegen dreht ihre Keramiken auf der Töpferscheibe. Sie wirken in diesem Jahr zart und licht. Weiße Kugelvasen tragen fließende Kragen oder verbergen ihre Öffnung zwischen glatten Blütenblättern; durchscheinend helle Schalen stehen in rauhen, grauen Keramikhüllen, als hätten sie sie eben abgestreift.

Kugelvasen (Gotlind Weigel)Kugelvase (Gotlind Weigel)

Ich bewundere, wie mühelos sie sich in Stilleben fügen, und weiß zugleich: Im Notfall ließe sich mit diesen Krügen Wasser schöpfen, in diesen Schalen Getreide lagern. Das macht sie in meinen Augen noch schöner.

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