Von der Schönheit

Ich bin in einem Alter, in dem das größte Kompliment offenbar lautet: Du hast dich gar nicht verändert! Mir geht es, wenn ich das höre, wie Brechts Herrn K.: ich erbleiche. Ich habe doch Ansprüche ans Altern! Ich möchte bitte auch weiser, unabhängiger, abgeklärter, gelassener geworden sein, oder es zumindest gerade werden!

Das ist die flapsige Zusammenfassung einer etwas komplizierteren Sache.

Natürlich bezieht sich das o.a. Kompliment allermeistens auf das Äußere, und da ist es gelogen. Das ist nicht, was mich daran ärgert. Mich ärgert, daß es jemandem nötig erscheint, mich meiner Attraktivität zu versichern. Du hast dich gar nicht verändert! Ich höre in diesem Satz gleich mehrere Unterstellungen: Früher warst du schön, weil du ja jung warst. Jetzt ist das anders. Also mußt du traurig sein über den Verlust deiner Jugend und den damit automatisch einhergehenden Verlust deiner Schönheit, und darum … ach, dafür nicht, das ist ja wohl das mindeste …

Erstens: Es gibt in meinen Augen kein Alter für Schönheit. Ich kenne wunderschöne junge Menschen, und ich kenne wunderschöne Mittel- und Steinalte, wahre Augenweiden, die man immerzu betrachten möchte. Für mich ist Schönheit nicht quantifizierbar. Sie ist keine Funktion der Faltenzahl, keine Sache von Farbe oder Gewicht oder gar von dem, was man so am Leib zu tragen sich leisten kann.

Zweitens: Ich kann meine Attraktivität selbst sehr gut einschätzen. Und ich weiß auch, daß sie schwankt zwischen unsichtbar und Hingucker. Mehr noch – ich weiß inzwischen sogar, wovon das eine, das andere abhängt. Und es kommt, doch, echt jetzt, von innen.

Das ist ein Geschenk der Jahre, das Wachstum. Größer werden im Denken und Fühlen, während man vielleicht äußerlich zusammenschrumpelt. Man kann vielleicht sogar innen größer werden als außen. Aber das Rezept ist kompliziert, und es ist mit Sicherheit nicht für jeden Menschen dasselbe. Ich suche selbst noch.

Und drittens: Wie kommst du darauf, daß ich auf billigen Trost aus bin?

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Hier gefunden: Frau Quadratmeter hat eine Aktion gestartet und allerhand lesenswerte Texte zum Thema Älterwerden gesammelt. Das Echo war groß, es ist noch nicht verhallt, das Thema Älterwerden betrifft alle Menschen. Altwerden ist noch mal eine ganz andere Übung und, wie man hört, nichts für Feiglinge.

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Zu „Schönheit und Alter“ fällt mir immer diese Geschichte ein, die ich als Kind gehört habe (und über deren Wahrheitsgehalt ich nichts sagen kann; ich weiß nicht mal mehr, wer mir das erzählt hat): In der Bretagne, Urlaubsziel für viele Jahre, konnte man allüberall Teller, Tassen, Karten und Kram mit goldigen bretonischen Mädchen in Tracht erwerben. Das sei der reine Kitsch, bekam ich erklärt; zu früheren Zeiten habe man in der Bretagne keine jungen Mädchen abgebildet. Gemälde und später Fotos habe es lange Zeit nur von Frauen mit Runzeln und weißen Haaren gegeben; die habe man schön gefunden. Die Bildchen junger Frauen seien erst mit den Touristen aufgekommen – die wollten’s eben jung und niedlich.

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Mit dem Thema bin ich noch nicht fertig; ganz und gar nicht.

 

 

0 Kommentare zu „Von der Schönheit

  1. In der Tat. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, zu dem man erkennt, dass dieses „Du hast Dich gar nicht verändert“ gelogen, billig, oder bestenfalls gedankenlos ist.

    Besonders gern gelesen habe ich „Zweitens: Ich kann meine Attraktivität selbst sehr gut einschätzen …“
    Diesen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Selbstgefühl und Außenwirkung habe ich bisher noch in keinem der #älterwerden-Texte wahrgenommen. Dabei ist er so wichtig und wahr.

    Ich bin gespannt, was da noch kommt, wo Du doch ganz und gar nicht fertig bist mit dem Thema.

  2. Das mit den bretonischen Bildern ist interessant. Das erste Bild, das ich als Kind bewusst und wirklich gesehen habe, war das Bild einer Frau mit bretonischer Haube. Es hing im Speisesaal des Hotel de la Plage in Wissant (am Ärmelkanal, bei den Sch’tis).

    1. Ah –! Wie schön; und: vielleicht ist was dran an der Geschichte.
      (Das wäre auch mal ein interessantes Thema: was ist das erste Bild/Gemälde/Kunstwerk, das man bewußt wahrgenommen hat? Ich wüßte meins auch noch.)

  3. Ich kann dem Gesagten nur zustimmen (bis auf die Bretonen, da kenne ich mich nicht aus), möchte aber auf den wichtigen Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität hinweisen. Schön kann auch ein Baum sein, und Menschen jeden Alters. Aber ob man attraktiv für das eine oder andere Geschlecht ist, merkt man als Mann spätestens, wenn einem die jungen Dinger einen Sitzplatz in der U-Bahn anbieten. 😉

    1. Ist dann die abzuleitende Regel: Schönheit sitzt, Attraktivität steht? ,)) Diesen Unterschied gibt es zum Glück; und doch wird beides, Schönheit und Attraktivität, gerne gleichgesetzt. Zumindest bei / von Frauen; immer noch. (Könnze Hörner kriegen von.)

  4. Ich beurteile den Satz „Du hast dich gar nicht verändert“ völlig anders. Mit Attraktivität hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. Und ein Kompliment ist das auch nicht, schon gar nicht das Gegenteil. Schönheit hin, Unscheinbarkeit her … Manch eine Physiognomie hat eben einen Wiedererkennungswert. 😉

  5. Gut, in ein „du hast dich nicht verändert“ kann man vieles hineinpacken, oder herauslesen. Ich habe schon Leute von früher getroffen, bei denen sich vieles verändert hatte. Bei manchen hatte sich das Gesicht irgendwie verwachsen, es hatte mit ihrem jungen Gesicht wenig Ähnlichkeit. Andere haben noch dieselbe Gesichtsform.

      1. Das auf jeden Fall. Mich nervt es ein wenig, daß man heute wirklich nicht mehr alt werden darf. Ewig „junggeblieben“ und „aktiv“, wie soll das gehen? Wann kommt man zur Ruhe? Ich will einfach alt werden, ganz old school.

  6. Ein Satz, den ich schon immer merkwürdig fand und inzwischen zunehmend unverschämt finde ist der: Sie sieht gut aus für ihr Alter.
    Wieso sagt man das nie über Zwanzigjährige, sondern nur über jene, die über 40 sind?
    Heisst das soviel wie: eigentlich Sch**** aber dafür noch ganz gut?
    Das Altwerden wird doch genau durch diese Abwertungen viel schwerer. irgendwann glaubt man noch selbst, man sei unattraktv.

    Ich erinnere mich gut, dass wir von unseren Bretagne-Resien immer wieder Postkarten verschickten mit wettergegerbten, alten Frauen in Tracht und mit geklöppelten Hauben.
    Damals gab es keine anderen, oder ich erinnere mich nicht.

    Dein Text sprciht mir aus der Seele, vielen Dank dafür!

    1. (Ha, diesen Satz habe ich mal gesagt. Über ein Kind, das mit fünfzehn eine wüste Schminkphase hatte; die augenrollende Mutter versuchte ich damit zu trösten …)
      Du hast recht, der ist eine Zumutung. Aber von der Sorte gibt es viele. Gestern habe ich mich über einen Satz in einem Roman geärgert; der Autor beschrieb eine Frau als „trotz ihrer Fülle schön“. Und nicht „ich fand sie …“.

      1. Das sogenannte Fat-blaming ist mindestens so verbreitet, wie Ageism (entschuldige die Anglizismen, ich finde sie schön präzise und knapp).
        Man fragt sich immer, ob die Leute glauben sie blieben ewig jung und schlank.

  7. Eine Weile habe ich auf diesen Satz hin geantwortet: „Wieso, sah ich früher auch schon so alt aus? – das hat die Leute aber immer sehr verwirrt, daher nehme ich es heutzutage einfach hin als Floskel. Leute, die meinen, ich hätte mich gar nicht verändert kennen mich einfach nicht richtig und haben mich auch nie richtig gekannt,dass sie Veränderungen meinerseits überhaupt zu erkennen könnten.

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