Mein Auenland

Ein Bild gibt es drüben bei Frau Geschichtenundmeer, in das ich hineinklettern möchte. Flüsse sind majestätisch, gewaltig, und es braucht nicht viel Pech, um in einem umzukommen; aber Bäche sind, wo ich her bin, weiblich, lebhaft und voller Leben. Stunden können Kinder an ihnen zubringen. Selten sind sie sich gleich, jeder hat seine Stimme, und im Winter frieren sie zu.

Jedes Mal, wenn beim Wandern – vor allem an heißen Tagen – das Weidenband eines Bachufers zwischen Wiesen sichtbar wird, beginnt in meiner Brust ein Fisch zu zappeln. Oh, das ist kühl! Das klingt so schön und riecht so gut! Eine andere Welt in anderem Licht – da will ich rein! Wenigstens mit den Füßen; auf einem krautigen Stein stehen und ins Strömen starren, bis sich die Unruhe der Oberfläche von den Farben des Grundes trennt und ich erkennen kann, wo ein Gründling flitzt, wo ein Krebstier Algen weidet. Kiesel sind nie so schön wie unten im Bachwasser. Am flachen Rand glänzen korallenrote Wurzeln; wenn man lang genug tut, als sei man ein Ast, kann man Bienen beim Trinken beobachten und Vögel bei der Jagd.

Einmal habe ich tatsächlich den Wanderweg verlassen und bin bis zwischen die zerborstenen Weidenbäume getreten: da hatte ein früheres Hochwasser das Ufer weggetragen und eine Bucht zurückgelassen, bröselige Lehmkanten, über die Rasen hing wie ein bequemes Kissen. Als Kind wäre ich hingestürmt, hätte mich beinebaumelnd draufgesetzt wie die Naturgewalt, die ich war, und hätte dieses Ufer neu gestaltet; heute aber kann ich das nicht mehr. Heute weiß ich, wie jeder Schritt, den ich tue, Gleichgewichte stören und wie leicht ich Schaden anrichten kann.

So habe ich mich selbst aus meinem Paradies vertrieben. Ich schaue nur von fern: da im Schatten, dicht unter der Wasserkühle liegen bei den Steinen die schönsten Stunden, und ich komme nicht mehr dran.