Ich hatte mal ein Abendkleid.

Beim Herrn Wortmischer: So was Hübsches, so viele schöne Geschichten, und ich finde es erst jetzt!
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Eigentlich ist es schon vollständig, aber da sich noch keiner um das Abendkleid gekümmert hat, mach ich das eben rasch.
 
Meine Mutter hatte es sich selbst genäht: astrein 60er, schulterfrei und fußlang, vorne Schlitz, hinten Schlitz, aus fieberrotem Samt. Mir paßte es perfekt, nur: was damit machen? So mit siebzehn? Zumal ich gar nicht tanzte?
Ich wechselte die Lebensumstände und die Städte, und immer hing im Schrank das rote Kleid. Manchmal zog ich es einfach so an; doch, paßte perfekt. Die Mitbewohnerinnen staunten.
Irgendwann fehlte einer, A., ein spektakuläres Gewand. Klar, ich lieh ihr mein Kleid. Sie war deutlich kleiner als ich, das glich sie mit hohen Absätzen aus; dann besorgte sie sich noch Handschuhe bis zu den Ohren, und abends gingen wir auf das Fest.
A. und ich nahmen bald getrennte Wege, aber für ihr Kleid bekamen wir beide Komplimente. Spät am Abend sah ich sie, wie sie mit hochrotem Kopf in Richtung Bad stürzte. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, daß sie Salatsoße verschüttet und sich von oben bis unten bekleckert hatte.
Mit einem „Sorry!“ bekam ich das Kleid von A. zurück. Die Flecken hatte sie halbwegs herausbekommen, doch der Samt, ein nachtragendes Gewebe, der war hin.
Ich behielt das Kleid noch eine Weile im Schrank, nur: keine Reinigung half, und Stoff für eine neue Vorderseite war nicht mehr zu bekommen; irgendwann muß ich es doch weggetan haben, sicher schweren Herzens. Andererseits brauchte ich es doch wirklich nicht, und heute kann ich staunenden Zuhörern erzählen: wißt ihr, ich hatte mal ein Abendkleid, oh ja, fußlang aus Samt, in Fieberrot. Echt wahr.