Wenn es dich jückt, wo du nicht kratzen kannst, dann ist Gefahr im Verzuge!
Diese alte Bauernweisheit hat Friedrich Sieburg (glaube ich zumindest) verfaßt, als er mit 40° Fieber im Bette lag. Und Radio hörte. Und darüber ein Textlein schrieb, das hieß „Die sanfte Fieberkurve“; das habe ich als Kind gelesen in einem Buch namens „Kleines Handgepäck“, weißer Leineneinband, auf dem grauen Sessel in der Sonne, mit Blick auf die Felder hinterm Haus. Als Kind ist man beeindruckbar, und später freut man sich, daß man sich noch an solche Details erinnert. Zumal wenn man ein bißchen erkältet ist.
Ich höre nicht so gut gerade. Oder vielleicht besser — ein dumpfes Rauschen, das sonst nicht da ist; kein Radio, wohl eher das Blut in meinen Ohren. Mit 40 Fieber kann ich nicht aufwarten, mir brummt der Schädel schon bei knapp über 38. Wenn ich ein Buch zur Hand nehme, lese ich drei Zeilen, dann ist da ein Wort, das das sich in meinem Hirn zu einer kompletten, wenn auch sinnlosen Geschichte entwickelt, und dann weiß ich nicht mehr, was in den letzten drei Zeilen stand, fange wieder an, und dann ist da ein Wort …
Also lieber nicht lesen. So kann ich mich stundenlang damit beschäftigen, mich von einer Seite auf die andere zu drehen und auf das Knacken und Gluckern in meinen Nebenhöhlen zu lauschen; es ist jedes Mal irgendwie rührend, wenn die obere Seite knackt, die untere noch nicht zu ist und ich zwei, drei Atemzüge frei habe. Dann beginnt das Spiel von vorne, und es ist so langweilig und nervtötend wie nur irgendwas.
Fürs Tippen brauche ich beide Hände und kann mich nicht so lückenlos in eine Decke hüllen, daß es nicht irgendwo empfindlich zieht. Beim Zusammensuchen der Decken habe ich übrigens das Bürotelefon gefunden, das mein Mann darunter versteckt hat, bevor er zur Arbeit ging, der Schatz.
Das nur dazu, unter welch widrigen Umständen ich hier arbeite. Und wenn es 1958 noch eines Friedrich Sieburg bedurfte, um eine Erkältung ordentlich gedruckt unter die Leute zu bringen, so kann 2008 jeder, der auch nur halbwegs sprachmächtig ist, seinen Schnupfen bloggen. Auch ohne wirkliches Fieber, aber dafür in Echtzeit.
Wenn es denn wirklich Friedrich Sieburg war; oder doch jemand anders? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht …
o Wei. Gute Besserung an die Schwarze Lakritze!
Krankenberichte scheinen aber wirklich einer der Blogger-Trends zu sein 🙂
Armes!
*virtuelle Essigpatscherl anlegend*
Fieber knapp über 38 find ich übrigens viel schlimmer. Da tut einem doch nur alles weh und man ist aber noch nicht benommen genug, ums nicht mehr mitzukriegen. So ab 39,5 wirds dann wieder lustig, da bekommt dann die ulkigen Fieberphantasien. Und ab 40 kommen die bunten Lichterchen dazu. Kein Wunder also, dass ein Herr Sieburg in dem Zustand leicht kreativ sein konnte…
Aber das wünsch ich Dir natürlich alles nicht – im Gegenteil! Werd bloß bald wieder gesund!
Aus dem Urlaub zurück und gleich krank – Du Ärmste. Na ja – jetzt kann dein Liebster seinen Telefonlapsus wieder gut machen … und dir viele schöne Geschichten vorlesen. Das hat ja auch was…
Danke euch! Ist schon wieder viel besser, die Erkältung und die Laune auch. Spätestens zum Wochenende muß ich wieder fit sein, da hab ich Arbeit …
Gargano, fürs Vorlesen bin exklusiv ich zuständig. Habe ihm kürzlich „Die Herzogin der Bloomsbury Street“ vorgelesen, was er wider Erwarten mochte.
Ich weiß ja jetzt nicht, ob der Text da die Genesung beschleunigt, aber er passt grad so gut ;o)
Überall Bakterien!
Nee, ich sag‘ schon! von Bakterien
Hat man früher nischt jewußt.
Da war’s Essen noch ne‘ Freude
Und det Trinken war ne‘ Lust.
Aber seit man die Bazillen
Und dergleichen Zeugs erfund,
Is der Mensch total jeliefert,
Alles is jetzt unjesund.
Les‘ ick da, det äußerst jiftig
Heutzutag Vanillen-Eis:
Früher aß man’s mit Verjnügen
Jeden Sommer massenweis‘.
Heute is selbst die Vanille
Vom Bazillenherd bedroht,
Schmecken dhut se ausjezeichnet,
Aber nachher is man dot.
Jrüne Aale, sonst det Beste
Wo der Mensch nur haben kann,
Sind nu ooch nich zu jebrauchen,
Seit der Fischbazillus dran.
Ißt se eener mit Verjnügen
An der Spree zum Abendbrot,
Liejt er jleich in letzten Zügen
Zehn Minuten später: dot.
Krebse, rechte scheene, jroße,
Wie jesund det früher war!
Heute jibt es Krebsbazillen
In dem Oderkrebs sogar;
Hat man sechs Stück ufjeprepelt,
Denkt man jleich: Schockschwerenot,
Warum is mich denn so übel?
Nächsten Morjen is man dot.
Ooch det Atmen ist jefährlich:
Wenn ich dir jut raten kann,
Mitmensch, atme nich zu ville,
Sieh dir erst de Luft mal an;
Kommste in so’n Pilzjewimmel,
Hilft dir keen Karbol und Jod,
Ziehste in den janzen Schimmel,
Fällste um un biste dot.
Holste dir nen netten Schmöker
Aus de Leihbibliapothek,
Kriegste jleich n Schock Millarden
Von Mikroben uf’n Weg;
Kommste uf de vierte Seite,
Wirste im Jesichte rot,
Uf der fünften kriegste’s Fieber,
Bei der sechsten biste Dot.
Det ick mit de Hochbahn rutsche,
Kommt mir niemals in den Sinn;
Nee, in die Bazillenkutsche
Da kriegt mir keen Deibel rin!
Steigste in fidel und munter,
Plötzlich spürste Atemnot,
Fährste bis zum Zoo hinunter,
Steigste aus und biste dot.
Nee, ick sag schon! Von dem Leben
Hat man nischt als wie Verdruß,
Weil man die verfluchten Dinger
Immerzu verschlucken muß!
Alle Dage muß man lesen,
Wie det Kleinzeug uns bedroht,
Und wir jroßen Lebewesen
Fallen um – schwapp – mausedot!
„Fliegende Blätter“, Berlin 1887
Super – kannste mal eine Hör- bzw. Vorleseprobe ins Blog stellen. Und: kann man dich buchen ????