Ein Nachruf

K. ist tot, dem wir alles zugetraut hätten, aber nicht das. Vor vier Wochen noch hatte er alle Fäden in der Hand.

Er war ein genialer Organisator, um den sich Menschen mit Tatkraft und Ideen scharten, und unter diesen war er ein Fürst in seinem Hofstaat. Er regierte nach der Maxime: Wer alles gibt, soll’s dafür auch gut haben. Was er anpackte, brachte Ertrag, und so sorgte er für die Seinen.

Das Schönste war ihm, seine Getreuen um einen Tisch versammelt zu sehen. Gute Esser standen bei ihm hoch im Kurs. Überhaupt war er ein wunderbarer Gastgeber und sparte nicht mit Kerzen, Porzellan, Silber und feinstem Leinen.

K. stand auch für kompliziert; dann mußte man mit ihm streiten. Oft genug lenkte er später ein. Nachtragend war er nicht — dazu liebte er die Widersetzlichkeit zu sehr, die Fähigkeit, gegen den Strom zu schwimmen.

Für mich war er ein Lehrer, eine Vaterfigur, ein Freund. Und was hat er mich geärgert! Ohne ihn wäre mein Leben anders verlaufen — das gilt vermutlich für die meisten, die mit ihm in Berührung gekommen sind. Dabei blieb er ein Einzelgänger; nur selten zeigte er sein Inneres, und auch das höchstens kurz. Sentimentalität lag ihm nicht.

Ganz berechenbar war er nie: ein weißhaariger Herr, der seine seriöse Erscheinung schamlos auszunutzen wußte. Einmal klebte er in einem Kaufhausriesen die Etiketten seines Einkaufs um und kam mit nichts als Sonderpreisen an die Kasse. Der Kassierer schaute ungläubig, sagte aber nichts. »Siehst du,« meinte K. hinterher vergnügt, »für viele Menschen kann eben nicht sein, was nicht sein darf.«

Daß er tot ist, kann eigentlich nicht sein, darf es auch nicht, und es ist trotzdem so.

»Naaaa, nun stellt euch nicht so an«, höre ich ihn sagen. »Macht was draus.«

in memoriam K.
Ein Treffen zur Erinnerung.

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