Schiefer und Kalk

Bad Frankenhausen in Thüringen ist heute ein beschauliches Kurstädtchen. Renaissance und Barock, ein bißchen Fachwerk und viel 19. Jahrhundert machen den Stadtkern hübsch und ansehnlich. Des weiteren hat Bad Frankenhausen einen Kirchturm, ein Panorama und einen Wanderweg. (Natürlich hat der Ort mehr. Aber das war, was ich gesehen habe.)

Der Kirchturm, so wirbt die Stadt, sei “schiefer als der Turm von Pisa”. Die Kirche selbst ist längst Ruine, aber um den Turm haben sich die Bürger sehr gekümmert und viel Geld gesammelt, daß er ihnen nicht komplett umfällt. Auf den ersten Blick dachte ich: naja, schief ja, aber doch sooo schief nicht. Auf den zweiten Blick dann: uiuiuiui … Dieser Turm ist geneigt, in sich verzwirbelt und so gekippt, daß es dem Gedächtnis unplausibel scheint; deswegen erschrickt man jedes Mal, wenn man wieder hinschaut.

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Von der Kirche führt ein Weg nach Norden hinaus aus der Stadt, hinauf auf den Schlachtberg. Der heißt nicht für nichts so: am 15.5.1525 endete hier eine der letzten großen Schlachten der Bauernkriege mit der elenden Niederlage der Aufständischen gegen die Söldnertruppen der Fürsten. Thomas Müntzer wurde gefangengenommen; er wurde – als geistiger und geistlicher Führer der Bauern – gefoltert und zwei Wochen später publikumswirksam hingerichtet. Die 8000 Aufständischen, die hier zumeist mit Sicheln und Sensen gegen die Landsknechte kämpften, wurden erbarmungslos erschlagen; der Weg hinauf auf den Berg heißt: Blutrinne. Ihn nehme ich aus dem Ort hinaus, zwischen Gärten hindurch in immer wilderes, karges Grasland.

Oben findet sich ein Monument aus DDR-Zeiten, geplant zum 450. Jahrestag der Schlacht von Frankenhausen: das Panorama-Museum, das Werner Tübkes gigantisches Rundgemälde beherbergt. Der Bau, die Scheibe einer ionischen Säule, ist ein faszinierender Fremdkörper in der Landschaft; von der Terrasse aus ist der Ausblick übers Land herrlich.

Das Panorama-Museum auf dem Schlachtberg.

Drinnen muß man gesehen haben. Das gewaltige Gemälde umspannt den ganzen Raum; die Farben, die menschlichen und phantastischen Figuren scheinen viel älteren Bildern entsprungen und erzählen den Reigen von Vision, Widerstand und Gewalt nach, der sich in der menschlichen Geschichte immer wiederholt. Ob man sich nun erklären läßt, was da zu sehen ist, oder nicht – um alles auch nur anzusehen, müßte man Stunden hier verbringen.

So viel Zeit habe ich nicht. Ich nehme den Lutherweg wieder in die Stadt hinunter, einen Wanderweg, tief in die Flanke des Bergs gegraben. Irgendwo muß ich vom Weg abgekommen sein; ich finde mich in einer Spalte wieder, eingezwängt zwischen grasigen Hängen. Der nackte Fels knirscht kristallin bei jedem Tritt und schimmert im Sonnenlicht, nicht einmal die Kiefern fassen hier Wurzel – ich bin froh um meine tüchtigen Schuhe. Jetzt, bei Tag, ist das hier wildromantisch. Nachts muß es zum Fürchten sein.

Später sehe ich: ich bin ins “Wüste Kalktal” geraten, durch das Thomas Müntzer vom Schlachtfeld geflohen sein soll, ehe er dann unten in der Stadt gefaßt wurde.

(Bad Frankenberg hat natürlich mehr. Was allerdings fehlt, ist ein Bahnhof; wer die Sadt besuchen will, muß andere Wege finden.)

 

Hier Gedanken zu Tübkes Gemälde und einige Bildeindrücke.